Als Reuther STC erneut in eine wirtschaftliche Schieflage geriet, stellte sich für die Stadt die Frage: Wie kann verhindert werden, dass ein großes Industrieareal in guter Lage dauerhaft an Bedeutung verliert?

Als auch nach hohem persönlichen Einsatz und intensiven Gesprächen absehbar wurde, dass für Reuther selbst keine tragfähige Perspektive mehr bestand, verlagerte sich der Fokus auf die Zukunft des Standorts. Ziel war es, den Übergang so zu gestalten, dass industrielle Nutzung, Arbeitsplätze und Wertschöpfung erhalten bleiben. Mit Daiwa House Modular Europe eröffnete sich eine neue Perspektive. Das Unternehmen kündigte an, das ehemalige Reuther-Areal zu übernehmen und in Fürstenwalde eine Produktionsstätte für serielles und modulares Bauen aufzubauen.

Damit aus der Ankündigung Tatsachen wurden, wirkte ich auch hier persönlich bei Problemlösungen mit.

Matthias Rudolph von der Daiwa House Modular Europe.

Matthias Rudolph von der Daiwa House Modular Europe.

Schritt für Schritt wurde der Standort umgerüstet und für eine neue industrielle Nutzung vorbereitet. Fürstenwalde wurde damit zu einem Ort, an dem Bauteile industriell gefertigt werden. Ein Ansatz der bundesweit als Antwort auf Wohnungsmangel und steigende Baukosten an Bedeutung gewinnt.

Das Ziel ist, eine weitestgehend automatisierte Fabrik für Wohnbaumodule mit 1.500 Mitarbeitenden nach japanischem Vorbild zu schaffen. 15.000 Module pro Jahr sollen produziert werden. Dafür werden unglaubliche Mengen Rohmaterialien benötigt: Stahl, Beton, Trockenbauplatten, Dämmmaterial, Schrauben, Badkeramik, Kabel, Schalter und Steckdosen, Klima- und Lüftungsgeräte, Beschläge, Türen, Fliesen, Bodenbeläge sogar Küchenausstattung.

All das wird derzeit aufwändig über die Straße von teilweise sehr weit entfernten Orten zugeliefert. Viel besser wäre es, wenn all diese Zulieferteile hier vor Ort in Fürstenwalde produziert werden würden, und dann auf dem kurzen Weg direkt zu Daiwa gebracht werden. Daiwa selbst und die Produktionsmengen sind dafür groß genug, um solche Produktionsstätten hier vor Ort zu errichten. Was nicht hier hergestellt werden kann – wie Rohstahl – soll zukünftig auf dem Gleisweg in die Fabrik kommen. Deshalb arbeite ich seit fünf Jahren daran, in der Staatsreserve ein entsprechendes Logistikzentrum mit Gleisanschluss zu etablieren (der Link zum Thema Güterverladebahnhof folgt). Aus demselben Grund ist auch der Gewerblich-Industrielle Vorsorgestandort (GIV) an der B168 so wichtig. Dort ist potenziell Platz für alle Zulieferer, die wiederum weitere Effekte mit sich bringen und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Bauvalley

Der Name entstand in Anlehnung an das weltbekannte Silicon Valley.

Wir haben mit Daiwa einen der weltweit größten, seit Jahrzehnten erfolgreichen und stabilen Konzerne in Fürstenwalde angesiedelt. Mit Bonava haben wir Deutschlands größten Wohnbauprojektentwickler vor Ort und für die nächsten Jahre gebunden. GeoClimaDesign ist führend im Bereich der hocheffizienten Wand- und Deckenheizungen und ebenfalls in Fürstenwalde ansässig. Was liegt also näher, als diesen „alten“ Wirtschaftszweig Wohnungsbau von Fürstenwalde aus zu revolutionieren?

Die Potenziale sind gigantisch. In Deutschland fehlen zehntausende Wohnungen. Die Baukosten steigen, die Mieten ebenfalls. Alles, weil 16 unterschiedliche Bauvorschriften das Bauen verkomplizieren, weil Baurecht oft erst aufwendig geschaffen werden muss und weil es schlicht zu wenig Wohnungen gibt. Keine Mietpreisbremse, kein Förderprogramm, kein Mietendeckel und keine Rekommunalisierung wird etwas an den steigenden Mieten ändern. Der Mangel ist das Problem. Der Bauturbo ist bisher oft nur ein Versprechen – ich mache ihn konkret: durch industrielle Fertigung, modulare Bauweise und vorhandene Bauflächen.

Wiederbebauung einstiger Plattenbaugrundstücke

Wie in anderen ostdeutschen Städten auch, wurden in Fürstenwalde ab dem Ende der 1970er Jahre eine Reihe von Plattenbausiedlungen errichtet. Bis zur Wende waren diese Wohnungen stark nachgefragt, weil sie seinerzeit den modernsten Standard hatten. Nach der Wende wandelte sich diese Einstellung und auch bedingt durch Einwohnerschwund standen viele Plattenbauwohnungen irgendwann leer. Dies führte dazu, dass mit Hilfe von staatlichen Förderprogrammen solche Plattenbauten abgerissen wurden. Seitdem sind diese Grundstücke leer.

Inzwischen sieht die Lage jedoch anders aus. Insbesondere durch den Zuzug nach Fürstenwalde, aber auch die verstärkte Unterbringung von Transferleistungsempfängern und Asylsuchenden durch den Landkreis besteht inzwischen ein großer Mangel an preisgünstigem Wohnraum. Die “Platte” ist auch nach einer Sanierung noch immer die günstigste Wohnungsart in Fürstenwalde, weshalb sie stark nachgefragt ist und praktisch kein Leerstand mehr existiert.

Das Ermöglichen der Wiederbebauung eben dieser Grundstücke habe ich mir zur Aufgabe gemacht. Die Vorteile liegen auf der Hand: es besteht in aller Regel Baurecht, die Erschließung ist gesichert, Strom, Wasser, Abwasser, Telefon, Internet, teilweise sogar noch Fernwärmeleitungen, alles liegt bei den Grundstücken an und kann mit vergleichsweise geringem Aufwand genutzt werden. Schneller kann man preisgünstigen Wohnraum kaum errichten.

Wenn diese Grundstücke nun mit neuen Mehrfamilienhäusern aus den vorgefertigten Modulen von Daiwa House bebaut werden würden, dann könnte sowohl preisgünstiger als auch schnell verfügbarer Wohnraum entstehen. Allein auf diesen Flächen könnten in den ostdeutschen Bundesländern zehntausende neue Wohnungen schnell errichtet werden. Dies ist eine riesengroße Chance für das Bauvalley Fürstenwalde und die hier ansässigen Unternehmen.

Standardisierung, Typenbaugenehmigung

Wenn es im Weiteren gelingt, für die Module und die daraus entstehenden Mehrfamilienhäuser – ähnlich wie für die Plattenbauten der DDR – Typengenehmigungen, zu erwirken, dann ist die nächste Stufe des Bauturbo erreicht. Mit Typengenehmigungen für Häuser, die speziell auf die Wiederbebauung ehemaliger Plattenbaugrundstücke abzielen, kann auch noch die zeitaufwändige individuelle Prüfung eines jeden Bauvorhabens durch die jeweiligen Bauordnungsämter entfallen. Auch in dem Bereich hat jedes Bundesland eigene Regelungen, die derzeit beschleunigtes Bauen noch verhindern.

Digitaler Bauantrag

Aus den vorstehenden Gedanken ist die Idee eines voll automatisierten in Echtzeit ablaufenden Bauantragsverfahrens entstanden. Derzeit werden noch immer Ordnerweise Papiere bedruckt, Stempel verteilt, Akten gelesen, sortiert, neu angefertigt und überarbeitet. Das dauert bei größeren Bauvorhaben trotz aller Digitalisierungsbemühungen Monate. Diese Zeit haben wir nicht. Der Wohnraum ist JETZT knapp. Das liegt auch daran, dass oftmals unter Digitalisierung verstanden wird, dass ein Dokument nicht mehr ausgedruckt in Papierform vorliegt und in Ordnern von A nach B getragen wird, sondern aus dem Papier ein PDF gemacht wird, welches dann auf dem Weg des Datenaustauschs eingereicht wird. Danach passiert dann aber doch wieder alles händisch, nur eben nicht mehr durch Blättern in Akten, sondern durch Scrollen in PDFs. Das ist keine Digitalisierung, das ist eine Digitalisierungssimulation.

Der eigentliche Bauantragsprozess, also die Bearbeitung der Bauakte muss digitalisiert und automatisiert werden. Ingenieure erstellen heute bereits weitestgehend computergestützt die notwendigen Bauunterlagen. Stellenweise geschieht dies sogar schon vollautomatisch. Building Information Modelling (BIM) ist da ein Schlagwort. Warum sollen diese von Computern nach Vorgaben des Bauherrn erstellten Pläne nicht auch vollautomatisch nach den Vorgaben der Städte und Gemeinden und des örtlichen Baurechts überprüft und genehmigt werden? Fehler und Hinweise an die Bauherren könnten auf dem gleichen digitalen Weg wieder zurück in die Systeme des Bauherrn übertragen werden. Dann ist es auch kein weiter Weg mehr, bis der erstellende Computer des Bauherrn mit dem genehmigenden Computer des Bauordnungsamtes auf direktem Weg kommuniziert und die Baugenehmigungen in Echtzeit ausgehandelt und erteilt werden.

Ich möchte zusammen mit Daiwa House und der städtischen Wohnungswirtschaft an diesem Plan arbeiten und ihn zur Umsetzung bringen. Ziel ist es dann, die Aufgabe des Bauordnungsamtes von der Kreisverwaltung in die Verwaltung der Stadt Fürstenwalde/Spree zu überführen und das erste voll digitale Echtzeit-Bauordnungsamt Deutschlands zu werden.

Diese Komponenten zusammen sind dann ein echter Bauturbo, der schon unter den bestehenden Regeln funktionieren, den man sehen und der die Wohnungsprobleme in Städten lösen kann. Das alles aus dem Bauvalley Fürstenwalde heraus.